[Das Wort zum Sonntag] Nicht deine Liga

»Ich hätte nie gedacht, dass er mein Typ sein könnte. Aber er hat genau den richtigen, schwarzen Humor und wir mögen die gleiche Musik und können uns prima über die unterhalten«, schwärme ich, »weißt du, es ist einfach toll, wenn man mal jemanden kennen lernt, der sich wirklich auch für politische und gesellschaftliche Themen interessiert und mit dem ich auch mal diskutieren kann. So eine intellektuelle Challenge. Jetzt tut es mir fast Leid, dass ich ihn vor unserem ersten Treffen so mies gemacht hab. Aber ich war echt eigentlich überzeugt, dass Anwälte so super langweilige, dröge Typen sind, die keinen guten Scherz verstehen – und ganz sicher nicht, dass sie in Lederjacke und Hoodie rumlaufen.« Sie nippt an ihrem Kaffee und schweigt eine ganze Weile. Ich runzle die Stirn. »Freust du dich gar nicht für mich?« »Doch, doch. Natürlich freue ich mich. Anwälte sind ja auch nur…Menschen, weißt du. Aber Kathi, sei doch mal ehrlich zu dir: Glaubst du wirklich, dass sich jemand, der Anwalt ist, tatsächlich für dich interessiert? Du musst doch zugeben, dass ihr nicht in der gleichen Liga spielt.« Ich bin sprachlos. So sprachlos, dass mir erst auf dem Heimweg irgendwelche schlagfertigen Erwiderungen einfallen.

Menschen wie ich? Schlecht verdienende Journalisten? Chucks-Träger? Fahrradfahrer? Billig-Kaffee-Trinker? Menschen, die in der Öffentlichkeit zu laut lachen? Menschen, die bei H&M einkaufen gehen, statt bei Guess gegenüber? Leben wir wirklich noch in einer Welt, in der Menschen in Ligen eingeteilt werden – und man sich gefälligst in seiner zu bewegen hat? Ich  fühle mich wie bei den Gilmore Girls, erinnere mich an die Folge, in der Rory Logans Familie kennen lernt und ihr erklärt wird, sie sei nicht gut genug für einen Huntzberger. Bin ich mit meinem mickrigen Gehalt, meinen gemusterten Flatter-Trägertops, meiner Reiselust und meiner Vorliebe für Hardrock nicht gut genug für einen Arzt, einen Anwalt oder einen Investmentbänker? Ich habe BWL studiert, ich habe Klausuren in Wirtschaftsrecht geschrieben. Und jedem, der Jura studiert hat, ist meine Anerkennung sicher: Sich durch diesen Paragraphen-Dschungel zu schlagen, 10 Semester lang, das muss wahre Liebe für Gesetzesgebung sein. Aber spielt er deswegen, und weil er 200 Euro pro Stunde verdient, in einer anderen Liga als ich?

Wir haben das Jahr 2016 und es erschreckt mich, wie altmodisch unsere Gesellschaft immer noch ist. Wir sind eine Generation, deren größtes Privileg beinahe absolute persönliche Freiheit ist. Wir können egoistisch von Selbstverwirklichung und Selbstfindung sprechen, und die in Ashrams in Indien und in veganen Kochkursen suchen. Wir können jahrelang studieren, danach Backpacking in Asien machen, um uns selbst besser kennen zu lernen und bei unserer Rückkehr beschließen, doch etwas ganz anderes zu machen. Wir können unsere Dates auf Tinder wie das Gericht beim Lieferservice auswählen und mit nach Hause nehmen, wen und wann wir wollen. Doch statt diesen Luxus zu genießen, halten wir lieber an den alten Statussymbolen und gesellschaftlichen Konventionen fest?

Warum sollte im Jahr 2016 eine Journalistin keinen Anwalt daten können?
Warum sollte im Jahr 2016 eine Studenten einen Arzt nicht zum Essen einladen dürfen?
Warum sollte im Jahr 2016 geheiratet werden, wenn die Kinder kommen?
Warum werden im Jahr 2016 verschiedenfarbige Paare misstrauisch beäugt?
Warum kann ich im Jahr 2016 meinen ägyptisch-deutschen Sohn nicht ohne Sorge um seine Zukunft Mohammed nennen?

Ich kann nicht verstehen, warum wir uns an die Vergangenheit klammern und an das, was uns in der Kindheit eingetrichtert wurde, statt zu begreifen, dass unsere Welt inzwischen eine ganz andere ist. Ich begreife nicht, warum wir in all unserer Freiheit immer noch kein bisschen tolerant sein können.

Ich treffe den Anwalt übrigens nicht mehr. Es hatte allerdings nichts mit meinem Beruf zu tun, oder mit seinem. Okay, vielleicht doch ein wenig. Denn vor lauter Arbeit hatte er keine Zeit für mich. Und das hat mir nicht gepasst. Das Privileg der Zeit habe ich gefordert – das ist der Spieleinsatz in meiner Liga.

girl indian romance

Foto: Lia La
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14 Gedanken zu “[Das Wort zum Sonntag] Nicht deine Liga

    1. Danke 🙂 Und du hast natürlich recht: es geht immer in beide Richtungen… wie viel man vermutlich durch solche selbst auferlegten Einschränkungen verpasst…

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  1. „Wie? Geographie? Und damit lässt sich Geld verdienen?“ 🙄
    Neben dem Führerschein sollte man heutzutage vielleicht auch eine Prüfung in Toleranz ablegen!

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    1. Danke dir, miene Liebe! Schade, dass wir da noch so alten Traditionen und Strukturen nachhängen, obwohl wir ja eine ganz andere Generation sind, oder? Aber wir zumindest können es ja besser machen 🙂

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  2. Krass. Mir ist gerade ein wenig die Kinnlade runtergefallen. Nicht du solltest dich fragen, ob das geht. Denn es geht ALLES! Deine Kaffeebegleitung sollte sich fragen, was sie da für eine spannende Weltanschauung hat. Wenn sie sich wegen so unwichtigen Dingen wie Geld klein machen möchte neben Leuten, mit denen man sich einfach super gut versteht – biddeschön. Aber du brauchst das deswegen noch lange nicht!
    Ein dicker Drücker zu dir und rockt it girrrrl, Mia

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    1. War er doch da, dein Kommentar 🙂 Danke für deine Worte, meine Liebe!! ❤ Von solchen Menschen
      lasse ich mich meist nicht verunsichern – aber in dem Moment hat's echt ganz schön weh getan…

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      1. Das kann ich mir absolut vorstellen. Selbst wenn man es eigentlich viel besser weiß, in dem Moment schmerzt es. Aber: Sie hat einfach keine Ahnung :*

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  3. Oh miste, jetzt ist mein Kommentar weg! Deswegen noch einmal die Kurzfassung: Es gibt keine Grenzen, wenn man sich gut versteht. Erst recht nicht, wenn es um so etwas unwichtiges wie Einkommen geht.
    Rock on girrrrl, genieß‘ es und mach dein Ding :*
    Ein dicker Drücker, Mia

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