[Travel Stories] Flughafen-Freundschaften

Es ist 16.15 Uhr und mein Flug ist vor 30 Minuten in Johannesburg gelandet. Erst um halb neun fliege ich weiter und habe somit fast fünf lange Stunden zu überbrücken. Mit gesenktem Kopf schlurfe ich durch die Flughafenhalle  – gesenkt, weil meine Augen verheult sind und weil mein Gesicht verkatert aussieht und meine Haare nicht gewaschen, sondern zu einer Duschknolle zusammengeknüllt sind. Ich sehe ziemlich genauso aus, wie ich mich fühle: So richtig scheiße!

Ein paar Jungs kommen angeeilt, wollen mir meine Handgepäcktasche abnehmen, doch ich winke sie nur mit einem abgerungenen Lächeln zur Seite. »You alright, Ma′am?«, fragt einer von ihnen, der sich auch ohne die Aussicht auf ein paar Rand, so doch zumindest ein Gespräch erhofft.»How could I? I′m leaving.«, erwidere ich und er nickt verstehend, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass er vermutlich noch nie weiter aus Jo′berg weg gekommen ist als bis nach Pretoria und dass er vermutlich auch noch nie in einem Flugzeug gesessen ist.

Ich rauche eine vor dem Flughafengebäude. Die Luft ist stickig und heiß und ich verspüre den dringenden Drang, meine Mama anzurufen. Wer tut das nicht, in dieser Situation, in der man sich so alleine fühlt, wie der letzte Mensch auf der Welt? Doch weil ich 10.000 Kilometer von Zuhause entfernt und außerdem erwachsen bin, stecke ich das Handy wieder in die Hosentasche und entscheide mich stattdessen für Kaffee. Es gibt fast nichts auf der Welt, das eine heiße Tasse Kaffee nicht zumindest erträglicher machen kann. Und dann lerne ich die Lloyds kennen.

1024px-or_tambo_international_airport_2007
Quelle: Kaihsu / Wikimedia Commons

Sie setzen sich an den Restauranttisch neben mich und beäugen meine armselige Erscheinung nur ein paar Sekunden, bevor ich die Frage vernehme: »You wanna sit with us?« Dankbar verlasse ich meinen einsamen Restauranttisch und geselle mich zu dem älteren Ehepaar und ihrem Sohn. Sie teilen mit mir nicht nur das Verständnis über die Liebe zu Südafrika, sondern auch ihr Abendessen und spannende Geschichten über ihr Leben. Die Mutter ist auf dem Weg nach Spanien zur Tochter – den spanischen Teil des Jakobswegs wollen sie wandern. Die Südafrikanerin ist schmal und wirkt zerbrechlich. Ich bin fasziniert. Er tue sich ja nur schwer, sie gehen zu lassen, tönt ihr Mann. Aber er würde mit Sohn noch nachkommen. Es ist, als würden wir uns schon seit Jahren kennen, dabei haben wir uns vor Minuten zum ersten Mal gesehen. Sie lassen mich die Wraps, die ich gegessen habe, nicht bezahlen. Zeigen mir Bilder von ihrer Tochter im aufregenden Europa, loben mein Englisch und fragen mich, ob ihr Heimatland nicht das Schönste der Welt ist. Ich muss schon wieder weinen. Der Sohn – bestimmt ein paar Jahre älter als ich, wegen seines Down-Syndroms bisher aber sehr schweigsam – bemerkt meine Tränen. Unbeholfen wühlt er in seiner Tasche, zieht sein Handy raus und deutet auf ein Foto: »Good music! Listen to this, makes you feel better!« Es ist Distrubed. Nichts, was mir jetzt unbedingt helfen würde. Doch die Geste berührt mich sehr. Ich schreibe mir den Bandnamen auf eine Serviette, stecke sie ein und wir umarmen uns zum Abschied.

Und als ich für die letzte halbe Stunde vor meinem Boarding alleine am Restaurattisch zurückbleibe sind meine Tränen versiegt. Ein Lächeln zieht über mein Gesicht. Ich bin mir sicher: Ich werde auf jeden Fall zurückkehren in ein Land mit so freundlichen Menschen. In ein Land, dass mich so liebevoll verabschiedet wie die Lloyds.


Bei Maribel habe ich gelesen, dass Ariane von Heldenwetter wieder zur Blogparade aufgerufen hat. Motto? Reisebegegnungen. Mir würden noch tausend andere einfallen, doch die Begegnung mit den Lloyds am Flughafen von Johannesburg war definitiv die, die mich am meisten berührt hat – vielleicht ist sie für euch gar nichts Besonderes, teilen wollte ich sie trotzdem.

 

 


4 Gedanken zu “[Travel Stories] Flughafen-Freundschaften

  1. Ach wie schön… Ich kenne dieses Flughafen-Gefühl. Übernächtigt, traurig (ach was, fertig mit der Welt), und einfach zerstört, und da kann ein nettes Gespräch einfach so viel bewirken! Vielleicht ein Anstoß, auch öfter mal Leute anzusprechen, die nicht ganz glücklich aussehen, und sie für ein paar Momente von den Sorgen abzulenken 🙂 Vielen lieben Dank für diesen tollen Beitrag zu meiner Blogparade!

    Liken

    1. Da hast du Recht – man sollte das viel öfter machen! Wenn man sich selber so darüber freut, würden sich andere Menschen sicher auch freuen, wenn sie angesprochen werden. Danke für die tolle Blogparade – ich bin mir sicher, da kommen super Geschichten zusammen!☺

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s